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Informationen zur Veranstaltung

  • Fr
    15
    Dez
    2017

    Ulrike Ruf: Volk unter Verdacht

    20:00

    Radialsystem X, Holzmarktstraße 33, 10243 Berlin-Mitte

    Auftaktveranstaltung: DO 14. Dezember, 18.30 Uhr
    Jürgen Fuchs – seine Gedichte, sein Leben
    Helmuth Frauendorfer spricht mit Lilo Fuchs, Roland Jahn und Hubertus Knabe über Leben und Werk von Jürgen Fuchs.

    Konzept, Künstlerische Leitung und Regie: Ulrike Ruf
    Konzept und Komposition: Iris ter Schiphorst
    Bühne und Kostüm: Sabine Hilscher

    Mit: Vocalconsort Berlin
    Sopran: Katja Kunze, Viola Wiemker und Susanne Wilsdorf, Alt: Jennifer Gleinig, Wiebke Kretzschmar und Anna-Luise Oppelt, Tenor: Martin Fehr, Hans-Dieter Gilleßen und Martin Netter, Bariton: Simon Berg, Kai-Uwe Fahnert und Tobias Müller-Kopp, Bass: Jakob Ahles, Thomas Heiß und Frank Schwemmer
    Choreinstudierung: Ralf Sochaczewsky
    Dramaturgie: Ilka Seifert
    Lichtdesign und Technische Leitung: Jörg Bittner
    Video: Christina Voigt
    Sounddesign: Florian Tippe
    Produktionsleitung: Inge Zysk

    Misstrauen, Kollaboration, Weigerung und Aufbegehren: Nichts war in der DDR so geheim und so folgenschwer wie die Arbeitsweise der Staatssicherheit. Unzählige Mitarbeiter und Informanten trugen Datenmengen zusammen, deren Hinterlassenschaft heute einen Einblick in das perfide System „Stasi“ gibt. Das dokumentarische Musiktheaterstück „Volk unter Verdacht“ der Regisseurin Ulrike Ruf und der Komponistin Iris ter Schiphorst setzt sich anhand von Originaldokumenten aus Archiven der Stasiunterlagen-Behörde (BStU) mit dem DDR-Apparat auseinander. Im Zentrum stehen Auszüge aus den dokumentarisch-literarischen Erinnerungsprotokollen aus der Haft des Dissidenten Jürgen Fuchs. Zusammen mit Dokumenten der Stasi-Akten verdeutlichen sie die Brisanz der massenhaften Überwachung für den einzelnen Menschen und zeigen, wie die Arbeitsweise der Stasi ein Klima von Angst und Misstrauen schuf. Als 15-köpfiger Chor bildet das Vocalconsort Berlin die Gesellschaft zwischen Individuum und Kollektiv ab. Der Chor interagiert musikalisch und szenisch mit den projizierten Originalvideos und -tondokumenten sowie mit den Kompositionen von Iris ter Schiphorst. Das Publikum erfährt sich selbst sowohl in Täter- als auch Opferposition, wenn es die Perspektive eines Stasi-Mitarbeiters einnimmt oder den bohrenden Fragen eines Vernehmers ausgesetzt ist. In einem partizipativen Prozess verhandelt „Volk unter Verdacht“ die Tragweiten und gesellschaftlichen Auswirkungen der systematischen Überwachung in der DDR – und lenkt den Blick gleichzeitig auf die heutige Alltäglichkeit massenhafter Datensammlung.

    Ulrike Ruf arbeitet als Musikerin, Autorin und Regisseurin im Grenzbereich zwischen Musik, Performance und Theater. In ihren interdisziplinären Musiktheaterformaten verwebt sie Klang, Sprache und Video mit minimalistischer Choreographie. Geboren in Berlin, studierte sie Violoncello an der HfM Hanns Eisler Berlin bei Michael Sanderling und Josef Schwab. Sie spielte regelmäßig im Konzerthausorchester Berlin und konzertierte auf Festivals wie MaerzMusik und dem Schleswig-Holstein-Musikfestival. Prägend für ihren künstlerischen Werdegang war die Zusammenarbeit mit Johann Kresnik und seinem Choreographischen Theater, in dessen Produktionen „BSE – Garten der Lüste“ (2001) und „Picasso“ (2002) sie an der Volksbühne Berlin als Cellistin und Darstellerin mitwirkte. Mit Guillermo Gómez-Peña entwickelte sie im Rahmen des Festivals MEXartes (2002) die Performance „Mexotica“ für die Volksbühne. Bei LaborGras Berlin war sie seit 2009 regelmäßig in der Reihe „Improvisations“ u.a. mit Renate Graziadei, Susanne Linke, Anna Huber und Mitgliedern von Sasha Waltz & Guests zu erleben. 2010 erhielt sie für Recherche und Entwicklung des Musiktheaterstücks „SORORI“ das Elsa-Neumann-Stipendium des Landes Berlin. 2011 wurde „SORORI“ im Rahmen der Klangwerkstatt Berlin mit dem Vocalconsort Berlin uraufgeführt. In „SMER – The Riot of Seduction“ in Zusammenarbeit mit dem Solistenensemble Kaleidoskop war sie auf dem Klarafestival in Antwerpen zu erleben. Für die Arbeit an dem dokumentarischen Musiktheaterprojekt „Volk unter Verdacht“ erhielt sie das Recherchestipendium des Berliner Senats 2016.

    Iris ter Schiphorst wurde in Hamburg geboren. Nach ihrer Ausbildung zur Pianistin studierte sie Theater-, Kulturwissenschaften und Philosophie in Berlin. Gleichzeitig befasste sie sich mit elektronischer Musik und Sample-Techniken und gewann 1992 den ersten Preis des Kompositionswettbewerbs für Synthesizer- und Computermusik. 1990 gründete sie das Ensemble intrors, mit dem sie 1997 Preisträgerin des Kompositionswettbewerbs Blaue Brücke wurde. In den Jahren 1996 bis 2001 verband sie eine intensive Zusammenarbeit mit dem Komponisten Helmut Oehring. Ihr Orchesterstück „Ballade für Orchester: Hundert Komma Null“ erhielt im Jahr 2001 eine Nominierung für den Prix Italia, ihr Ensemblestück „Zerstören“ wurde für die World Music Days 2007 in Hongkong nominiert. Beim Internationalen Komponistinnenwettbewerb 2008 wurde ihr Duo „Miniaturen für Cello und Akkordeon“ mit dem Sonderpreis der Jury ausgezeichnet. Seit 2013 ist sie Mitglied der Akademie der Künste Berlin. 2015 erhielt sie den Heidelberger Künstlerinnenpreis. 2015/16 war sie Stipendiatin der Villa Concordia in Bamberg. Ihr Werkverzeichnis umfasst alle Gattungen, darunter acht große Orchesterwerke, die mit namhaften Orchestern im In- und Ausland zur Uraufführung gelangten. Ihre Werke wurden auf Festivals weltweit uraufgeführt, u.a. in Paris, Amsterdam, Porto, London, New York und Buenos Aires. Seit dem Wintersemester 2015/16 hat sie eine Professur für Medienkomposition an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien inne.

    Das Vocalconsort Berlin gilt als einer der besten und flexibelsten Chöre Deutschlands. 2003 gegründet und damit der jüngste der drei Profichöre Berlins, hat das Vocalconsort keinen Chefdirigenten, sondern arbeitet projektweise mit unterschiedlichen Dirigenten, aber vor allem mit festen künstleri-schen Partnern wie Daniel Reuss, Folkert Uhde und Sasha Waltz zusammen. Wandlungsfähig in Besetzung und Repertoire und mit beeindruckender Homogenität, konnte das Vocalconsort Berlin Erfolge auf ganz unterschiedlichen Gebieten feiern: von Monteverdis „L’Orfeo“ unter René Jacobs bei den Innsbrucker Festwochen über Haydns „Vier Jahreszeiten“ unter Christopher Moulds in Rotterdam und Bernsteins „A Quiet Place“ unter Kent Nagano bis hin zu Peter Ruzickas „Inseln, Randlos“ unter Leitung des Komponisten selbst. Für die Aufnahme des zweiten Buchs von Gesualdos „Sacrae Cantiones“ unter James Wood erhielt das Vocalconsort Berlin 2013 den ECHO Klassik. Das Vocalconsort Berlin ist regelmäßig in den Musikmetropolen und auf den großen Festivals Europas präsent, es arbeitete bereits mit Dirigenten wie Marcus Creed, Jos van Immerseel, Iván Fischer oder Pablo Heras-Casado zusammen. 2017 eröffnete das Vocalconsort Berlin mit Sasha Waltz & Guests in einer choreografischen und musikalischen Raumerkundung die Elbphilharmonie Hamburg.

    Eine Produktion von Ulrike Ruf. Gefördert aus Mitteln des Hauptstadtkulturfonds Berlin. Mit freundlicher Unterstützung der Ernst von Siemens Musikstiftung. In Kooperation mit RADIALSYSTEM V. Mit Dank an Lilo Fuchs, den Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR und die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.